Suizid – Ausdruck letzter Freiheit, Ende eines Leidens, Todsünde oder einfach nur ein großes Mysterium

Beim Thema Suizid scheiden sich die Geister und es kommt schnell zu hitzigen Diskussionen. Muss es das? Eigentlich zeigt sich hier nur allzu offensichtlich die eigene Haltung in Lebens- und Glaubensfragen. Wer aber hier keine Standfestigkeit hat, wird sie im ganzen Leben nicht finden.
Ist also der Suizid, also die Selbsttötung ein “Ausdruck letzter Freiheit”, eine “Freiheit der Entscheidung, nicht mehr leben zu müssen” – oder wie auch immer man das formulieren mag? Mitnichten. Wer den Suizid wählt, hat keine Freiheit mehr. Suizid und Freiheit schließen sich aus. Suizid als Ausdruck menschlicher Entscheidungs-Freiheit zu bezeichnen, ist im Grunde und zutiefst Menschen-verachtend. Es ist der Bankrott vor allem, was Mensch sein ausmacht.
Wie ist es mit dem Suizid als “Ende eines Leidens”, als “letzter Sinn in einer Sinnlosigkeit”? Selbst mancher Therapeut kommt hier ins Schwanken – wenngleich nur hinter vorgehaltener Hand, da er rechtlich ja eine Einweisung eines akut Suizid Gefährdeten vornehmen lassen muss. Aus spiritueller Sicht kann man hier anführen, dass der Suizid keineswegs ein Leiden beendet, sondern möglicherweise das richtige Leiden nun erst beginnt – auch wenn das politisch absolut nicht korrekt ist. Wie schnell sagt man in Situationen tiefstem psychischen, emotionalen oder körperlichen Leiden “ich will so nicht mehr weiter leben” oder “dieses Leben ist nicht mehr Lebens-wert, es hat keinen Sinn mehr” oder ähnliches. Abgesehen davon, dass solche Menschen nicht selten ihre Meinung ändern, sofern eine kurzfristige Besserung eintritt oder sich etwas anderes an ihrer Situation ändert, hilft man ihnen keineswegs, indem man ihnen beim Suizid beisteht (und sei es nur passiv). Ganz im Gegenteil – das ist ein Armutszeugnis jeglicher Therapie und Seelsorge.
Ein Beispiel: Therry Schiavo. Über ihren Fall gibt es einen ausgezeichneten Dokumentarfilm, den ich jeden nur empfehlen kann. Zur Erinnerung: Eine junge, verheiratete Frau landet durch einen Unfall im Wachkoma. Die Eltern und Familie kümmern sich aufopferungsvoll um sie. Bis der Moment kommt, andem der Ehemann der Verstorbenen sagt, so hätte seine Frau nicht leben wollen – und das Abschalten aller lebenserhaltenden Geräte verlangt. Hier beginnt nun einer juristischer Krieg durch alle Instanzen. Die Eltern und Familie der Toten – unterstützt u.a. von der Katholischen Kirche – verlangen vom Ehemann nichts anderes, als dass sie sich um Therry kümmern dürfen. Er lehnt ab. Mittlerweile begleitet eine Kamera die Besuche der Familie. Wer nun meint, hier hätte ein willenloses Stück Fleisch gelegen, dessen Leben eh nichts mehr wert war, irrt zutiefst. Wenn etwa der Vater zu seiner Tochter ging, ihr über den Kopf strich und beruhigend auf sie einredete, leuchtete und strahlte ihr ganzes Gesicht und sie lächelte. Herzzerreißend. Beim Sterbevorgang selbst durften Kameras nicht dabei sein, die Familienangehörigen berichteten aber, dass sich das nicht so friedlich vollzogen hatte, wie die Seite des Ehemanns behauptet hatte, sondern dass sie furchtbar leiden musste.
Was uns das sagt? Leben ist in jeder Form lebenswert. Alles andere führt uns schnell zu einer – wenn auch selbstgewählten – Kategorisierung des Lebens in “lebenswert” und “nicht lebenswert”. Inwiefern man hier überhaupt noch von einer unbeflussten Willensentscheidung sprechen kann, sei dahin gestellt, jedenfalls endet man hier dort, wo Adolf Hitler hin wollte.
Anstatt einen Patienten also beim Suizid zu “begleiten” (was für ein widerlich beschönigendes Wort!) könnte man vielmehr an einer ander Sichtweise, einen anderen Umgang mit oder einer anderen Sichtweise dem Leiden gegenüber – oder schlicht eine Annahme desselben arbeiten, vielleicht auch an Glaubensfragen etc. Die palliative Medizin jedenfalls ist heute soweit, dass Patienten, die im Sterben liegen, dies tun können, ohne dabei körperlich schrecklich zu leiden.
Was ich schon davon weiß? Ich habe in meinem Leben zweimal versucht, mich umzubringen. Gott sei Dank hat es nicht geklappt. Das wäre weder eine freie Entscheidung gewesen noch hätte es irgendetwas gelöst oder beendet. Ganz im Gegenteil – es wäre eine sehr egoistische, feige Handlung gewesen. Weiterhin war ich mehrmals mehr oder weniger freiwillig kurz vor dem Tod. Schließlich habe ich Menschen begleiten dürfen, die im Sterben lagen – und auch entsprechende Ausbildungen gemacht.
Wie ist das nun aus christlicher Sicht? Ich spreche hier als Katholik: Für einen Katholiken ist Suizid im Grunde eine Todsünde. Wer aber im Zustand der Todsünde stirbt, kann nicht in den Himmel kommen. ABER: Die Katholische Kirche hat bei noch keinem einzigen Menschen bisher offiziell gesagt, dass er in der Hölle ist. Warum? Weil wir nicht Gott sind und die Umstände des Einzelfalles nicht kennen. Der Betroffene kann noch kurz vor dem Tod seine Tat bereut haben. Möglicherweise lag auch eine psychische Erkrankung vor, die eine freie Entscheidung unmöglich machte.
Kurz und gut: Wer Suizid als Mittel in Betracht zieht, hat nie und nimmer das Beste für den Betroffenen im Blick.
Menschen sind wundervolle Geschöpfe Gottes und fähig, über sich selbst hinaus zu blicken. Sie haben etwas besseres verdient, als eine “Abkürzung” – nämlich die tatsächliche Freiheit, das menschlische Leben zu leben. Voll und ganz. In allen Situationen. Im Guten und im Schlechten.
Für immer.
München, 21.05.2017
Robert Gollwitzer